• Jeremias Hunger, Safien
  • 30. Oktober 2006

Mein Alpsommer

Endlich Sommerferien! Die grosse Freude beginnt für mich zu blühen, denn schon bald geht es auf die Alp. Oft sind die Kühe schon vor mir oben, beim Alpaufzug bin ich aber immer dabei, ob Schule oder nicht! Ist die Schule dann «endlich» fertig, packe ich schon ziemlich bald meine wenigen Sachen, welche auf der Alp nicht fehlen dürfen und auf geht`s. Da ich nun schon einige Sommer auf unserer Alp war, brauche ich keine Einführung mehr, ich gehe hoch und mache direkt meine Arbeit.

Kleine, aber feine Alp

Ich muss hier und jetzt gestehen, dass ich nur eine kleine Alp mit wenigen Kühen betreibe und dass ich tagsüber heuen gehe. Ich bin also so gesehen kein richtiger «Dauerälpler». Egal, für mich persönlich hat die Alp eine sehr grosse Bedeutung und ich sehe mich sozusagen auch als Älpler. Nun, was finde ich denn so besonders an meiner Arbeit auf der Alp, welche traditionell geführt wird? Diese wird eigentlich nicht als Älplerarbeit gesehen, da immer die Bauern selbst die Alp versorgten und nie einen Älpler anstellten.

Freiheit über alles

Ich bin einfach sehr gerne weg von allem. Ich werde jetzt dieses Alles nicht definieren, jeder soll sich selbst etwas darunter vorstellen. Ich muss sagen, dass ich dort, wo ich wohne, im Safiental, ziemlich weg von allem bin. Aber wenn man dann noch auf die Alp kann, ist es noch was anderes. Ich mag einfach diese Freiheit, diese ganze Situation. Es ist für mich irgendwie wie ein anderes Leben. Und doch wünsche ich mir immer noch mehr Distanz, denn die Alp Zalön ist gut erschlossen und jeder Bauer hat von früher her noch seine Hütte irgendwo stehen. Diese Hütten werden immer mehr und mehr zu Ferienhäuschen umgebaut in welchem die Gäste dann auch eigentlich dasselbe geniessen wie ich; die Freiheit.

Feriengäste als Nachbarn

Ich verstehe das voll und ganz, denn ich mache es ja genau so. Nur arbeite ich und mache nicht Ferien. Ich kann die Feriengäste auch verstehen, wenn sie sich zu wenig weit weg von allem fühlen, denn das geht mir ja oft auch so. Der Unterschied ist aber, dass sie sich über mich und meine Kühe aufregen, weil ich ihren Frieden störe. Selbst die Bauern höchst persönlich regen sich auf. Aber man kann nicht auf der einen Seite auf die Alp wollen und auf der anderen Seite keinen Älpler und keine Kühe haben. Ich würde mich wenn schon über die ausgebaute Strasse bis fast vor die Alphütten und die nahe gelegenen Siedlungen aufregen; jedoch nicht über jemand, der bezüglich Freiheit das Gleiche fühlt wie ich, aber dazu noch arbeitet. So rege ich mich über die Feriengäste auf und sie sich teilweise über mich. Dabei ist die Alp doch wirklich gross genug für alle, wir müssen die andern einfach leben lassen und so akzeptieren, wie sie ihren Alltag oder Ferientag verbringen wollen. Aber eigentlich geniesse ich das, was ich habe und lasse es mir auch nicht nehmen.

Zeit in und mit der Natur

Wenn ich dann solche Streitereien habe, träume ich von der hinterletzten Alp irgendwo am Ende der Welt. Denn wie ich schon erwähnt habe, ist die Alp Zalön einfach zu zentral gelegen. Da ich im Moment jedoch nichts anderes habe, gebe ich mich zufrieden, mit dem was ich habe. Denn ich erlebe genauso wie schön es ist am Morgen aus dem warmen Bett zu steigen und halbwach zuzuschauen, wie die Sonne langsam über die Berge rollt, oder wenn ich in der Abendfrisch draussen vor dem Stall sitze und auf den Mond warte. Es ist halt einfach wunderschön. Auch wenn es vielleicht für Einige seltsam klingen mag.

Wehmütiger Rückblick

Nach wenigen Tagen auf der Alp werden diese wunderbaren Ereignisse aber bereits Bestandteil des Alltags. Wie schön es dann aber schlussendlich war, merkt man erst wieder, wenn man seine Sachen packen muss, die Hüttentür hinter sich schliesst und nach Hause geht. Irgendwie werden meine Gefühle dann ziemlich stark, sie werden mindestens so wehmütig, wie sie am Anfang schön waren. Ich muss leider immer schon vor den Kühen die Alp verlassen, da ich wieder in die Schule muss; kann aber jedes Wochenende bis Alpschluss wieder hinauf und all das Schöne dort oben geniessen. Klar, ich mache meine Arbeit auf der Alp sehr gerne. Trotzdem würde ich manchmal gerne am Abend ein bisschen länger aufbleiben und am Morgen dann ewig lange ausschlafen…